05.06.2008, 08:18 Uhr | Thomas Hillenbrand, Spiegel-Online
Hummer H3 (Foto: Hummer)Riesig, klotzig, durstig: Der Hummer galt bislang als König der Geländewagen. Jetzt möchte General Motors das zunehmend unverkäufliche Trumm dringend loswerden. Das ist erst der Anfang vom Ende - die peinliche Ära der Sports Utility Vehicles neigt sich ihrem Ende entgegen.#
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Großes Auto, große Probleme
Neulich stand ich vor einem Münchner Parkhaus hinter einem Cadillac Escalade. Das Monster hatte wegen seiner pompösen Abmessungen Probleme, durch die eigentlich üppig bemessene Einfahrt zu kommen. Irgendwann beugte sich der Fahrer mit dem ganzen Oberkörper aus dem Fenster. Die arme Wurst kam wegen der hohen Sitzposition nicht an den Ticket-Schlitz.
Ob Toyota Rav4, Porsche Cayenne oder Audi Q7 - moderne Geländewagen sind Karikaturen richtiger Autos. Das letzte Mal passierte so etwas in den Fünfzigern, als durchgeknallte US-Designer in einen absurden Wettbewerb um die größtmögliche Heckflosse traten. Wenn ich einen Cadillac Eldorado von 1959 sehe, muss ich stets schmunzeln. Haben die Menschen einst tatsächlich solche wahnwitzigen Autos gebaut? Mit surfboardartigen Aufbauten? Und sind sie dann mit ernsten Mienen darin herumkutschiert?
Ähnlich wird es uns in dreißig Jahren mit dem Cadillac Escalade und seinen übergewichtigen Geschwistern gehen. Dann wird uns klar werden, wie grotesk unsere Karossen früher waren. Wie die Dinosaurier sind unsere Pkw immer größer geworden. Und jetzt sterben ein paar von ihnen hoffentlich endlich aus. "Im Moment", hat der Modedesigner Tom Ford neulich angemerkt, "durchlaufen wir eine Phase, in der alles dick ist - Menschen, Autos, Brillen, Lippen, Titten. Alles ist aufgeblasen." Es spricht vieles dafür, dass dieser Trend bei Fahrzeugen vorbei ist.
Bester Beleg ist der Niedergang der SUV-Ikone Hummer. General Motors hat am Dienstag angekündigt, den Kultklotz loswerden zu wollen. Außerdem macht der größte US-Autohersteller vier Fabriken dicht, die SUV und Pickups fabrizieren - weil ausgerechnet die amerikanische Stammkundschaft derartige Fahrzeug nicht mehr kauft. Der Absatz des Hummer H3 etwa brach im Mai um 60 Prozent ein. Das ist vermutlich erst der Anfang des Dinosterbens. Drei Entwicklungen könnten dem Hummer und seinen fetten Freunden erfreulich rasch den Garaus machen. Da ist zum einen der Spritpreis, der SUV zu einem extrem teuren Vergnügen macht. Die Benzinkosten eines Porsche Cayenne Turbo liegen im Stadtbetrieb inzwischen bei mehr als 35 Euro je 100 Kilometern. Da ist bei jedem Anfahren an der Ampel ein Euro futsch.
Menschen, die locker über 100.000 Euro für ein Auto hinlegen, könnten das vielleicht noch verschmerzen. Hinzu kommt aber, dass fast alle westlichen Industrienationen Geländepanzer inzwischen ächten: Die Niederlande erheben auf einen 385-PS-Allradler eine Strafsteuer von 38.186 Euro. Da spüren selbst Star-Anwälte ein Stechen in der Hüftgegend. Auch Stadtfahrten mit dem SUV sind kein Vergnügen mehr. Wer etwa mit seinem Cayenne aus dem Londoner Schicki-Stadteil Chelsea in die City walzt, zahlt demnächst 33 Euro. Für einen Tag, wohlgemerkt.
Können Kompakt-SUV den Niedergang aufhalten?
Die Reaktion der Autoindustrie wirkt ziemlich hilflos. Sie wirft kleinere Geländewagen wie den Audi Q3 auf den Markt. Auch den todgeweihten Hummer sollte eine Schrumpfkur retten. Noch im Januar zeigte GM in Detroit den HX. Der Juniorpanzer kommt mit nur 304 PS und einem 3,6-Liter-Motor aus. In der absurden Welt der Allradler gilt das als Mäßigung. Das ist etwa so, als würde Keith Richards ankündigen, künftig nur noch mit einer Flasche Jack Daniel's pro Tag auszukommen. Helfen wird es nichts. Umbringen werden den SUV nämlich nicht seine Verbrauchs- sondern seine schwindenden Sympathiewerte. Hallo, Ihr Architekten aus Grünwald, Ihr Kommunikationsberater aus Pöseldorf? Ist euch eigentlich schon aufgefallen, dass die Mehrheit der Bevölkerung Eure Wagen für mordspeinlich hält?
Inzwischen gelten SUV als peinlich
Vor zehn Jahren war ein Hummer vielleicht einmal der Gipfel der Coolness. Heute ist dem SUV-Kapitän dagegen Hohn und Spott sicher. In London werden große Geländewagen als "Chelsea Tractor" veräppelt. Zu recht. Stars mit Stil wie George Clooney haben das schon vor längerem begriffen. Sie würden im Traum nicht daran denken, in solch einen Klotz vorzufahren (Clooney hat ein Elektroauto). Zuletzt zockelte nur noch Franjo Pooth in seinem weiß lackierten Hummer die Düsseldorfer Kö auf und ab - ein klarer Kontraindikator. Schon bald werden die fetten Autos verschwinden. Wenn dann auch noch die dicken Brillen und die dicken Lippen das Zeitliche segnen, wäre das nicht nur ein Sieg der Ökologie, sondern auch einer des guten Geschmacks.