02.10.2003, 09:38 Uhr | T-Online/dpa
Einfach Schlichtheit: der /8-er (Foto: DaimlerChrysler)Der "Strich-Achter" ist zwar mittlerweile ein Klassiker, nach echtem Oldtimer sieht er mit seinem kantigen Erscheinungsbild jedoch nicht aus. Nüchtern betrachtet ist er ein ziemlicher Langweiler. Der heute einfach nur als "Strich-Achter" bekannte Mittelklasse-Mercedes aus den Jahren 1968 bis 1976 zeichnet sich weder durch besondere Schönheit noch durch stilistische Extravaganzen aus.
Immer noch alltagstauglich
Er ist im Grunde ein Ausbund automobiler Sachlichkeit - und doch hat er eine stattliche Gemeinde von Anhängern gewonnen, gilt sogar als echtes Kult-Objekt. Vermutlich ist es aber gerade das nicht verspielte Erscheinungsbild, das ihn so begehrenswert macht. Denn einerseits ist er zwar ein Klassiker, andererseits sieht er immer noch nicht wie ein echter Oldtimer aus - und bei richtiger Pflege bewältigt er auch heute noch anstandslos den täglichen Einsatz.
Forum Mercedes /8 - ein Oldtimer-Traum?
Schlicht bis zum Namen
Schon die landläufige Bezeichnung als "Strich-Achter" zeigt, dass dieses Auto niemand je zu blumigen Wortschöpfungen veranlasste. Bei anderen Mercedes-Fahrzeugen jener Zeit war das noch anders. So galt sein Vorgänger im Volksmund wegen seiner Heckform als die Heckflosse, den SL-Roadster der sechziger Jahre nannte man wegen des in der Mitte abgesenkten Hardtops die Pagode. Bei der offiziell je nach Motorisierung W114 und W115 genannten "kleinen" Mercedes-Limousine setzte sich einfach ein Zusatz durch, den die Erbauer verwendeten: "Vorgestellt im Jahr 1968", das hieß bei Mercedes "/8", also "Strich-Acht" - auch wenn erste Exemplare bereits 1967 gebaut wurden.
Foto-ShowDer /8er und seine nächsten Verwandten
Der Status war in Gefahr
Den ersten Käufern waren derlei Nebensächlichkeiten vermutlich egal. Ihnen ging es um praktische Vorzüge - und da konnte der "Strich-Achter" nicht alle Anhänger der Marke vollkommen überzeugen. Nicht nur, dass er im Gegensatz zum eher barock geformten Vorgänger einfach nur eckig, kantig und schlicht dastand. Er war auch kürzer, oder wie man offiziell sagte "kompakter". Das mag zwar die Benutzung des einen oder anderen Parkplatzes erleichtert haben, steigerte aber nicht gerade den Wert als Statussymbol zwischen all den Opel Rekord oder Ford Granada.
Der Diesel prägte das Bild
Preislich galt der 200 mit seinem Vierzylinder-Benziner, zwei Litern Hubraum und 95 PS als Einstiegsmodell - er kostete anfangs 11.500 Mark. Das eigentliche Basismodell aber war der 500 Mark teurere 200 D, der im Grunde bis heute das Image des "Strich-Achters" prägt. Dieser Ahn aller modernen Diesel-Limousinen mühte sich mit seinen 55 PS redlich, die 1,4 Tonnen Metall vorwärts zu bewegen. Bevor es allerdings losging, galt es, die berüchtigte "Diesel-Gedenkminute" in voller Länge auszukosten. Die kleine Leuchtanzeige, die heute während des Vorglühens eines Diesels für kurze Zeit aufflammt, war damals noch Zukunfts-Schnickschnack.
Genug Zeit zur Meditation
Der Arbeitsplatz des /8er-Fahrers (Foto: DaimlerChrysler)Handarbeit und Geduld waren angesagt: Links im Armaturenbrett wurde ein Vorglühknopf gezogen, der so lange festzuhalten war, bis ein Stückchen weiter rechts eine Spindel orange aufglühte - was genügend Zeit zum Meditieren über das Autofahren und den Dieselmotor an sich ließ. Glühte endlich etwas, galt es den Vorglühknopf zum Starten noch ein Stückchen weiter herauszuziehen. Der Effekt ähnelte entfernt dem Versuch, einen schlafenden Hund durch das Ziehen am Schwanz zu wecken. Der vordere Teil des Wagens schüttelte sich unter maßgeblicher Beteiligung des erwachenden Motors, um dann mit einem Geräusch die Arbeit aufzunehmen, das mit dem dieseltypischen Begriff "Nageln" nur unzureichend beschrieben ist.
T-Online/dpa
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